Vier Jahre Forschung an fünf deutschen Universitäten, 1,6 Millionen Euro Innovationsfonds-Geld, ein Online-Trainingsprogramm mit 64 Videoclips für Hausärztinnen, Kinderärzte und Psychotherapeutinnen — und am Ende ein Beschluss, der für Familien autistischer Kinder enttäuschend ausfällt: Das EVAS-Projekt der Marburger F…
Worum es geht und warum es Familien angeht
- Februar 2026 keine Empfehlung zum Transfer in die Regelversorgung erhalten.
- Statt der nächsten Stufe — Aufnahme der Autismus-Checkliste in die hausärztliche Versorgung — landet EVAS in der schwächsten Transferkategorie des Innovationsausschusses: „Weitergabe der wissenschaftlichen Erkenntnisse“.
- Für Familien, die heute monatelang auf einen Diagnostik-Termin warten, bleibt damit eine zentrale Versorgungslücke offen — und für die nachfolgenden KI-Diagnostik-Projekte ist die Latte sichtbar höher gelegt worden.
Was EVAS war und was es zeigen sollte
EVAS — Early, Valid and Reliable Autism Screening — lief von Oktober 2020 bis September 2024 mit fünf Konsortialpartnern: Philipps-Universität Marburg unter der Leitung von Prof. Dr. Inge Kamp-Becker, Charité Berlin, Universitätsklinikum Heidelberg, Universitätsmedizin Göttingen und TU Dresden. Der zentrale Ansatz war pragmatisch: nicht die Diagnose selbst in die Hausarztpraxis verlegen, sondern die Qualität der Erstüberweisung verbessern. Eine vierstündige webbasierte Schulung mit 64 Videoclips, dazu eine standardisierte Autismus-Checkliste und ein abschließendes Assessment. Ziel war es, dass nichtspezialisierte Ärztinnen und Therapeuten gezielter — und früher — die richtigen Kinder und Jugendlichen in die Spezialambulanzen schicken, statt die ohnehin überlasteten Diagnostik-Zentren mit unspezifischen Verdachtsfällen zu füllen. Zwischenergebnisse hatten Hoffnung gemacht: Rund 80 Prozent der Trainingsteilnehmenden ohne Autismus-Vorerfahrung berichteten, sich nach Abschluss sicherer in ihrer Einschätzung zu fühlen. Die Plattform fand früh Akzeptanz, Didaktik und Videoqualität wurden in der Konsortialevaluation gelobt. Bei den harten Versorgungsoutcomes blieb die Studie aber unter den Erwartungen, die für einen Direkttransfer in den Leistungskatalog nötig sind.
Warum der Innovationsausschuss nicht überzeugt war
Subjektive Sicherheit ist kein Versorgungseffekt. Genau diese Hürde — der Nachweis, dass das Trainingsprogramm nicht nur das Sicherheitsgefühl der Behandelnden erhöht, sondern messbar zu früheren, präziseren oder häufigeren Überweisungen in die Spezialdiagnostik führt — gilt im G-BA-System als kritischer Endpunkt. Der Innovationsausschuss vergibt nach Sichtung des Ergebnisberichts Transferempfehlungen in mehreren Stufen; nur die Kategorie „Prüfauftrag/Aufnahme in die Regelversorgung“ hätte EVAS in der GKV verankert. Stattdessen wurde nur „Weitergabe der wissenschaftlichen Erkenntnisse“ zuerkannt — eine Kategorie, die explizit erklärt, dass das Projekt zwar wichtige Befunde liefert, aber keine direkte neue Versicherungsleistung begründet. Im ersten Quartal 2026 hat der Innovationsausschuss insgesamt 21 Abschlussberichte beraten, darunter 15 aus der Versorgungsforschung und sechs aus dem Bereich neue Versorgungsformen. Für nur sieben dieser Projekte wurde die höchste Transferkategorie ausgesprochen. EVAS gehört nicht dazu. Das Signal an die Forschung: Ein Online-Training mit guter Akzeptanz reicht nicht — gefordert sind belastbare Effekte auf Wartezeiten, Diagnosegüte, Versorgungspfade. Genau diese Daten konnte das Konsortium offenbar nicht in der von der GKV erwarteten Stringenz liefern.
Was das für Familien heute bedeutet
Für Eltern, die heute mit einem Autismus-Verdacht beim Kinderarzt oder Hausarzt sitzen, ändert sich an der Versorgungsrealität durch den EVAS-Beschluss zunächst nichts — aber genau das ist die Pointe. Das durchschnittliche Diagnosealter in Deutschland liegt bei 6,5 Jahren, im internationalen Vergleich spät. Wartezeiten auf eine Autismus-Diagnostik betragen für Kinder zwischen sechs Monaten und mehr als einem Jahr, für Erwachsene oft zwei Jahre oder länger, in Berlin werden weniger als drei Prozent der Diagnostik-Anfragen einer Ambulanz angenommen. EVAS sollte einen Teil dieses Problems auflösen, indem die Erstüberweiser geschulter werden. Da das Programm nicht in die Regelversorgung wandert, bleibt die hausärztliche Erstabklärung weiterhin eine Lotterie aus Vorwissen, Engagement und Zufallszugang zu Fortbildungsangeboten. Die Plattform autismus-lotse.de wird zwar weiter betrieben und steht Fachkräften offen, die selbst nach Weiterbildung suchen — aber sie bleibt ein freiwilliges Angebot. Wer eine schnellere und qualifiziertere Erstabklärung wünscht, ist weiter auf das persönliche Engagement der Hausärztin angewiesen.
Was der Beschluss für die nächste Welle KI-Diagnostik bedeutet
Die Entscheidung kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Das NEVIA Lab der LMU München unter Christine Falter-Wagner bereitet derzeit eine multizentrische Validierungsstudie zu einem deutlich ambitionierteren Werkzeug vor: ein multimodaler KI-Ansatz aus Eye-Tracking, Bewegungssynchronie-Analyse, Computer-Vision-Mimikerkennung und Sprachanalyse, der auf 10-Minuten-Interaktionsvideos beruht und in publizierten Vorstudien 80 bis 90 Prozent Klassifikationsgenauigkeit erreicht hat. Falter-Wagner hat angekündigt, ihre Validierungsstudie über den G-BA-Innovationsfonds umsetzen zu wollen. Der EVAS-Beschluss zeigt, was diese Studie liefern muss, um nicht im selben Ergebnis-Korridor zu landen: harte Versorgungsoutcomes, nicht nur diagnostische Trefferquoten. Wartezeiten verkürzt, Fehldiagnosen reduziert, Versorgungspfade messbar geändert — das wird die Messlatte sein. Auch die zweite große G-BA-finanzierte Initiative im Autismus-Feld, das BASS-Teams-Projekt zur multiprofessionellen Erwachsenenversorgung (5,3 Millionen Euro Förderung, Laufzeit bis April 2029, Standorte Hamburg, München, Köln), arbeitet inzwischen mit dem Wissen, dass der Innovationsausschuss harte Wirksamkeitsdaten will. Für die deutsche Autismus-Versorgung heißt das mittelfristig: KI- und Digital-Tools werden kommen, aber langsamer, mit höherer Beweislast und vermutlich erst nach erneuten Validierungsschleifen. Wer aktuell auf einen Diagnose-Termin wartet, findet bei der Autismus-Stiftung Deutschland unter Hilfe finden regional sortierte Anlaufstellen; strukturell vorantreiben lässt sich der Aufbau besserer Forschungs- und Versorgungsstrukturen über die Zustiftung, bei der das Kapital erhalten bleibt und die Erträge dauerhaft autistische Menschen unterstützen.
Offen bleibt die Frage, ob der Innovationsausschuss seine eigenen Erwartungen klar genug kommuniziert: Wenn Projekte wie EVAS am Übergang von guter Forschung zu tragfähiger Versorgungsleistung scheitern, brauchen Konsortien einen verbindlichen Erwartungskatalog. Sonst werden 1,6 Millionen Euro zum nächsten Lehrstück darüber, wie Wissenschaft in Deutschland nicht in die Praxis findet.
Stat-Highlights:
- 1,6 Mio. € | Förderung über vier Jahre | EVAS lief Oktober 2020 bis September 2024 mit 1,6 Millionen Euro G-BA-Förderung und fünf Standorten. Trotzdem empfahl der Innovationsausschuss am 20. Februar 2026 keinen Transfer in die Regelversorgung.
- 80 % | Trainingseffekt bei Vorwissens-Lücke | Vier von fünf Trainings-Teilnehmenden ohne Autismus-Vorerfahrung fühlten sich nach Abschluss des Online-Programms sicherer in der Einschätzung. Für den G-BA reicht subjektive Sicherheit aber nicht als Beleg für einen messbaren Versorgungsnutzen.
- 7 von 21 | Höchste Transferkategorie Q1 2026 | Von 21 abgeschlossenen Innovationsfonds-Projekten erhielten im ersten Quartal 2026 nur sieben die Empfehlung „Prüfauftrag/Aufnahme in die Regelversorgung“. EVAS gehört nicht dazu, sondern wurde der schwächeren Kategorie Wissens-Weitergabe zugeordnet.
- 6,5 Jahre | Durchschnittliches Diagnosealter | So spät erhalten autistische Kinder in Deutschland im Mittel ihre Diagnose, mit Wartezeiten zwischen sechs Monaten und über einem Jahr. EVAS sollte diese Lücke durch geschulte Erstüberweiser schließen, was nun ausbleibt.
Verifizierte Belege
- G-BA Innovationsfonds — EVAS Projektseite (Transferempfehlung: keine)
- G-BA Innovationsfonds — EVAS Ergebnisbericht (Stand 31.03.2026 nach Ablauf der Sperrfrist)
- G-BA Innovationsfonds — Projekteinblicke EVAS (Zwischenergebnisse 22.11.2023)
- Philipps-Universität Marburg — AG Autismus-Spektrum, EVAS-Projektseite
- AOK Gesundheitspartner — Innovationsfonds: 21 Berichte im ersten Quartal 2026
- G-BA Innovationsfonds — BASS-Teams Projektseite
- NEVIA Lab LMU München — Forschungsseite
- healthcare-in-europe.com — Autismus-Diagnostik digital (April 2026)
Forschung mitfördern
Die Autismus-Stiftung Deutschland fördert anwendungsorientierte Diagnose-Strukturen mit dem Ziel breiterer Versorgung.
Dieser Artikel wurde durch den Autismus Monitor der Autismus Stiftung Deutschland automatisch aus aktueller Forschungsliteratur und Quellenrecherche zusammengestellt. Alle Quellen sind direkt verlinkt und verifiziert. Veröffentlicht am 14. Mai 2026. Dieser Artikel ersetzt keine professionelle medizinische oder therapeutische Beratung.