Die Neurodiversitäts-Sprache hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Viele Begriffe kommen aus der englischsprachigen Selbstvertretung und sind im deutschsprachigen Raum noch wenig verbreitet. Dieses Glossar ordnet die wichtigsten Begriffe ein, neurodiversitäts-orientiert und nichtpathologisierend.
Wenn das Gehirn mehr sensorische, soziale oder kognitive Reize verarbeiten soll, als seine aktuelle Kapazität erlaubt. Häufig in Großraumbüros, Supermärkten oder bei vielen parallelen Gesprächen. Vorboten sind Erschöpfung, Reizbarkeit, Konzentrationsverlust. Eine Auszeit in reizarmer Umgebung hilft beim Wiederfinden des Gleichgewichts.
Ein Zustand sehr intensiver, anhaltender Konzentration auf ein Thema oder eine Tätigkeit, oft mit Zeitgefühl-Verlust. Tritt bei Autismus und ADHS häufig auf, kann produktiv sein, lässt sich aber schwer willentlich beenden. Eng verwandt mit dem Konzept der Monotropie.
Theorie von Dinah Murray, Wenn Lawson und Mike Lesser (2005). Autistische Aufmerksamkeit funktioniert wie ein tiefer Tunnel mit wenigen, dafür intensiven Fokuskanälen, statt wie ein breiter Scheinwerfer mit vielen parallelen Kanälen. Erklärt Spezialinteressen, Reizüberflutung und Schwierigkeiten beim Themenwechsel mit einer einzigen kohärenten Theorie.
Vermischung von Sinneswahrnehmungen, etwa Klang als Farbe oder Buchstabe als Form. Tritt bei autistischen Menschen statistisch häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Wird nicht als Störung gewertet, viele Betroffene erleben sie als bereichernd.
Selbststimulierendes Verhalten wie Wippen, Hände flattern, Wiederholen von Wörtern oder Geräuschen. Es regt an, beruhigt, hilft beim Konzentrieren oder beim Bewältigen von Reizüberlast. Kein Defekt, sondern eine Selbstregulationsstrategie, die nicht unterdrückt werden sollte.
Bewusstes oder unbewusstes Anpassen an neurotypische Verhaltensweisen, um sozial nicht aufzufallen. Betroffene kopieren Mimik, Gesprächsmuster und Reaktionen. Kostet sehr viel Energie und führt langfristig häufig zu Erschöpfung oder autistischem Burnout. Besonders bei Frauen und Mädchen als Grund für späte Diagnosen genannt.
Externalisierende Reaktion auf Reizüberlast oder Überforderung. Kann sich in Weinen, Schreien oder dem Verlust verbaler Sprache äußern. Anders als ein Wutanfall ist ein Meltdown unwillkürlich und nicht willentlich gesteuert. Hilfreich sind reizarme Räume und ruhige Begleitung ohne Druck.
Internalisierende Reaktion auf dieselbe Überforderung. Betroffene ziehen sich zurück, werden still, antworten nicht mehr, wirken wie eingefroren. Häufig bei Menschen, die in der Außenwirkung nichts anmerken lassen, etwa nach maskierten Sozialphasen.
Schwierigkeit, eine Aktivität zu starten oder zu beenden, auch wenn man eigentlich wechseln möchte. Wird mit Monotropie in Verbindung gebracht und mit dem hohen kognitiven Aufwand, den ein Aufgabenwechsel erfordert.
Ein Thema mit besonders tiefer, ausdauernder Beschäftigung. Anders als ein Hobby oft eng mit Identität und Energiequelle verknüpft. Spezialinteressen sind eine Stärke, kein Defizit, und werden in der modernen Pädagogik gezielt als Lern- und Motivationsanker genutzt.
Konzept des britischen Soziologen Damian Milton (2012). Die Empathie-Lücke zwischen autistischen und neurotypischen Menschen ist nicht einseitig autistisch, sondern wechselseitig. Beide Seiten müssen Verstehen lernen. Damit kippt die These vom autistischen Empathie-Defizit aus den Angeln.
Chronische Erschöpfung nach langer Anpassung und Reizüberlast, oft mit zeitweisem Verlust von Fähigkeiten und sozialem Rückzug. Erste empirisch-qualitative Definition durch Raymaker und Kolleginnen (2020). Nicht zu verwechseln mit klassischem berufsbedingten Burnout, die Auslöser sind andere.
Das gleichzeitige Vorkommen von Autismus und ADHS. Lange klinisch ausgeschlossen, seit der DSM-5-Revision (2013) anerkannt. Schätzungen nennen 30 bis 50 Prozent der autistischen Menschen mit zusätzlichen ADHS-Kriterien. Mehr dazu auf der Seite Autismus und ADHS.
Profil mit ausgeprägtem Bedürfnis nach Autonomie und gegen Fremdsteuerung. Im deutschsprachigen Raum noch wenig bekannt, in Großbritannien und USA breit diskutiert. Bisher keine eigenständige DSM- oder ICD-Diagnose, sondern eine Beschreibung im Autismus-Spektrum.
Die natürliche Bandbreite, in der menschliche Gehirne funktionieren. Konzept, nicht Diagnose. Mehr dazu auf Was ist Neurodiversität.
Sprachliche Debatte. Identity-First („autistische Person“) betont, dass Autismus ein Teil der Identität ist und nicht abgetrennt werden kann. Person-First („Person mit Autismus“) stammt aus medizinischen Kontexten und wurde aus dem Englischen übertragen. Viele autistische Menschen bevorzugen heute Identity-First, manche Person-First. Beide Formen können respektvoll sein, gefragt ist Hinhören.
Englischer Begriff für nicht-autistisch, als Pendant zu autistic. Soll deutlich machen, dass nicht-autistisch sein eine eigene Eigenschaft ist, nicht die unausgesprochene Norm.
Die Grundbegriffe, ausführlich erklärt auf Was ist Neurodiversität. Kurz: neurotypisch beschreibt die statistische Mehrheit, neurodivergent die individuelle Abweichung, Neurodiversität das Gesamtkonzept.
Die Idee dahinter, ihre Geschichte und das Vergleichs-Schaubild der drei Begriffe. Mehr erfahren
Wie sich Autismus im Alltag und im Erleben zeigt, mit Symptom-Beispielen. Mehr erfahren
Symptome, Spätdiagnose und Unterstützung im Erwachsenenalter. Mehr erfahren
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