Wenn ein Kind in Deutschland heute die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung erhält, ist es im Durchschnitt 6,5 Jahre alt. International gilt eine Diagnose ab dem zweiten Lebensjahr als möglich, in Hochrisiko-Studien sogar deutlich früher. Auf der 17. Wissenschaftlichen Tagung Autismus-Spektrum, die vom 12. bis 14.
Worum es geht und warum es Familien angeht
- Wenn ein Kind in Deutschland heute die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung erhält, ist es im Durchschnitt 6,5 Jahre alt.
- International gilt eine Diagnose ab dem zweiten Lebensjahr als möglich, in Hochrisiko-Studien sogar deutlich früher.
- Wissenschaftlichen Tagung Autismus-Spektrum, die vom 12. bis 14.
Der erste Strang läuft in München. Prof. Dr. Christine Falter-Wagner leitet am NEVIA Lab der LMU eine Arbeitsgruppe, die mit Eye-Tracking-Brillen, automatischer Mimikerfassung, Bewegungssynchronie-Analyse und KI-gestützter Sprachprosodie-Auswertung versucht, die diagnostische Subjektivität in der Erwachsenen-Diagnostik zu reduzieren. In der grundlegenden Falter-Wagner-Studie von 2021 wurden 39 Erwachsene mit Motion Energy Analysis untersucht; bereits dort zeigte sich eine signifikant reduzierte interpersonelle Bewegungs-Synchronie bei später diagnostizierten Autisten gegenüber Kontrollen (p = 0,023). Die in der Zwischenzeit weiterentwickelten Verfahren erreichen 80 bis 90 Prozent Klassifikationsgenauigkeit, mit einer besonderen Stärke bei der Abgrenzung von der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Genau diese Differenzialdiagnose ist klinisch zentral: Bis zu zwei Drittel der spät diagnostizierten Frauen mit Autismus haben zuvor eine Borderline-Diagnose erhalten, weil das maskierende Verhalten autistischer Frauen die Borderline-Kriterien oberflächlich zu erfüllen scheint. Falter-Wagners Methode trennt — auf Bewegungs- und Sprachebene — beide Profile zuverlässiger als standardisierte Fragebögen wie AQ oder EQ. Aber: Die Verfahren sind bisher nur an Erwachsenen evaluiert, eine multizentrische Validierung im G-BA Innovationsfonds ist erst in Vorbereitung, und kein zugelassenes Diagnoseprodukt steht den Kliniken zur Verfügung.
Der zweite Strang läuft am Universitätsklinikum Heidelberg. Prof. Dr. Luise Poustka baut zusammen mit Prof. Dr. Dr. Peter Marschik ein neues Präventions- und Früherkennungszentrum auf, das Säuglinge mit familiärem Autismus-Risiko untersucht — also Babys mit einem älteren Geschwisterkind, das bereits eine ASS-Diagnose hat. Das Wiederholungsrisiko in dieser Gruppe ist deutlich erhöht und macht sie zur methodisch ergiebigsten Hochrisiko-Population. Das mobile Labor „Phenomobil“ fährt mit sieben Kameras, Mikrofonen und Sensoren in die Wohnung der Familie, zeichnet die ersten Lebensmonate auf und analysiert Bewegungs-, Mimik- und Lautmuster KI-gestützt. Marschiks bisherige Forschungsbefunde zeigen konsistente Auffälligkeiten in Bewegung und Vokalisation bereits in den ersten Lebensmonaten — lange bevor sich die sozialen Kriterien des ICD-11 manifestieren. Wenn sich diese Marker in größeren Stichproben replizieren lassen, könnte ein Diagnose-Pfad ab dem ersten Lebensjahr entstehen. Vorausgesetzt, die Studien werden weiter finanziert und die KI-Modelle bestehen die regulatorische Hürde der Medical Device Regulation.
Der dritte Strang ist der Vergleichsblick in die Vereinigten Staaten. Mit EarliPoint Evaluation hat die FDA seit Juni 2022 ein Eye-Tracking-Tablet zugelassen, das Kinder im Alter von 16 bis 30 Monaten anhand ihres Blickverhaltens beim Anschauen kurzer Videos klassifiziert. Die in JAMA publizierte Phase-III-Studie an 1.089 Kleinkindern berichtet 81,9 Prozent Sensitivität und 89,9 Prozent Spezifität in der Entdeckungs-, 80,6 / 82,3 Prozent in der Replikationsstichprobe. Aktuell sind rund zwölf Geräte in US-Kliniken im Einsatz; das Marcus Autism Center in Atlanta entwickelt die nächste Generation für ältere Kinder. In Europa und in Deutschland ist das Produkt nicht zugelassen, und es ist auch kein Antrag bei der EMA oder beim BfArM angekündigt. Wer in Deutschland heute eine Hochrisiko-Familie betreut, kann auf EarliPoint nicht zugreifen — auch nicht als Selbstzahler.
Was bedeutet das praktisch für Eltern, die jetzt Antworten brauchen? Drei Hinweise. Erstens: Wer in einer Hochrisiko-Familie lebt — also ein älteres Geschwisterkind mit gesicherter Diagnose hat oder selbst Autist:in ist — kann sich an das Phenomobil-Programm in Heidelberg wenden; eine Teilnahme ist eine Forschungsteilnahme, keine Krankenkassenleistung, ersetzt aber keine eigene Diagnostik beim niedergelassenen Kinderarzt oder im Sozialpädiatrischen Zentrum. Zweitens: Wer einen Verdacht auf späte Erstdiagnose im Erwachsenenalter trägt, kann gezielt nach spezialisierten Ambulanzen suchen, die mit Falter-Wagners Methoden in Kontakt stehen — die LMU-Ambulanz München ist derzeit für klassische Diagnostik geschlossen und führt nur die TRAUM-Studie für 14- bis 30-Jährige weiter; im Berliner Charité-Verbund liegt die Bestätigungsrate bei 40 Prozent, das heißt 60 Prozent der Antragstellenden erhalten am Ende eine andere Diagnose, was die Komplexität spät erkannter Autismus-Bilder belegt. Drittens: Die abgeschlossene Versorgungsforschung BarrierefreiASS aus Hamburg (Prof. Dr. Holger Schulz, UKE) und das laufende Nachfolgeprojekt BASS-Teams (5,3 Mio. Euro G-BA Innovationsfonds, 11/2025 – 4/2029, drei Standorte in Bayern, Hamburg, NRW) erproben gezielt Versorgungsmodelle für Erwachsene mit Autismus — wer im Einzugsgebiet wohnt, kann sich über das UKE Hamburg um eine Studienteilnahme bewerben.
Die strukturelle Diagnose-Lücke wird sich in Deutschland nicht über Nacht schließen, weil drei Voraussetzungen gleichzeitig fehlen. Eine zugelassene Diagnose-Technologie nach Medical Device Regulation — solange weder Falter-Wagners Verfahren noch ein europäisches Eye-Tracking-Pendant CE-zertifiziert sind, bleibt jede Erprobung Forschungssache. Eine aktualisierte AWMF-Diagnostikleitlinie 028-018, deren letzte Version aus 2016 stammt und deren Überarbeitungs-Status nach wie vor unklar ist. Und eine bundesweite Versorgungsstruktur, die spezialisierte Diagnostik in der Fläche statt nur in fünf bis zehn universitären Zentren ermöglicht — die destatis-Eingliederungshilfe-Statistik 2024 (1,029 Millionen Empfangende, 28,7 Mrd. Euro, +12,9 Prozent) erfasst Autismus bis heute nicht eigenständig, und ohne Daten gibt es keinen politischen Hebel.
Wer aktuell zwischen Diagnoseverdacht und Termin steht, ist auf Beratung angewiesen. Die Autismus-Stiftung sammelt unter Hilfe finden Anlaufstellen und Spezialambulanzen nach Bundesländern und macht so die fragmentierte Versorgungslandschaft sichtbar. Wer die Forschungs-Infrastruktur strukturell mittragen möchte, die solche Frühdiagnose-Projekte überhaupt möglich macht, findet mit der Zustiftung ein Modell, das auf Kapitalerhalt setzt und dessen Erträge dauerhaft in Versorgung und Forschungsförderung fließen.
Was bleibt zu beobachten? Erstens, wann der G-BA Innovationsfonds Falter-Wagners multizentrische Validierungsstudie offiziell auf der Projektseite veröffentlicht — das ist die entscheidende Brücke zwischen einer Forschungsmethode und einem klinisch nutzbaren Verfahren. Zweitens, ob das Heidelberger Präventionszentrum die DFG-Förderung über die Pilotphase hinaus verstetigen kann und damit eine echte deutsche Hochrisiko-Babykohorte aufbaut. Drittens, ob ein europäischer Antrag für ein EarliPoint-vergleichbares Produkt bei der EMA gestellt wird — bislang fehlt jeder solche Antrag. Und viertens, ob die DGKJP und DGPPN auf ihrer Jahrestagung im November 2026 die längst überfällige AWMF-Anmeldung zur Überarbeitung der Diagnostikleitlinie 028-018 einreichen. Solange keiner dieser Hebel zieht, bleibt der Durchschnitt von 6,5 Jahren bis zur deutschen Erstdiagnose das Maß der Versorgung — und damit der Maßstab für jede ehrliche Bilanz.
Verifizierte Belege
- Autismus weiterdenken 2.0 — WTAS 2026 Heidelberg (12.–14. März 2026)
- Autismus-Diagnostik digital für mehr Objektivität und Effizienz — healthcare-in-europe.com (April 2026)
- Koehler/Falter-Wagner et al.: Brief Report — Specificity of Interpersonal Synchrony Deficits to ASD and Its Potential for Digitally Assisted Diagnostics (JADD 2021, PMC9296396)
- Autismus weiterdenken — Phenomobil und Heidelberger Früherkennungszentrum
- EarliPoint Health — FDA-cleared Autism Diagnostic Device
- Marcus Autism Center — EarliPoint FDA Authorization (CHOA Newsroom)
- BarrierefreiASS — G-BA Innovationsfonds Projektseite
- BASS-Teams — G-BA Innovationsfonds (Folgeprojekt, 11/2025 – 4/2029)
- NEVIA Lab LMU München — Falter-Wagner Forschungsgruppe
- hkk-Pressemitteilung: Mehr Kinder und Jugendliche mit Autismus (2026-04-01)
Versorgung verbessern
Die Autismus-Stiftung fördert anwendungsorientierte Strukturen, damit Diagnose und Therapie in der Fläche ankommen.
Dieser Artikel wurde durch den Autismus Monitor der Autismus Stiftung Deutschland automatisch aus aktueller Forschungsliteratur und Quellenrecherche zusammengestellt. Alle Quellen sind direkt verlinkt und verifiziert. Veröffentlicht am 29. Mai 2026. Dieser Artikel ersetzt keine professionelle medizinische oder therapeutische Beratung.