Drei Jahre Warten auf die Autismus-Diagnose

Im Mai 2026 ist die strukturelle Erwachsenenversorgung bei Autismus in Deutschland an einem Punkt angekommen, an dem das Wort „Wartezeit“ das Problem verharmlost. Wer als Erwachsener heute den Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung hat und sich an eine universitäre Spezialambulanz wendet, trifft fast überall auf d…

Auf den Punkt

Worum es geht und warum es Familien angeht

  • Im Mai 2026 ist die strukturelle Erwachsenenversorgung bei Autismus in Deutschland an einem Punkt angekommen, an dem das Wort „Wartezeit“ das Problem verharmlost.
  • Die „stille Krise im Erwachsenenbereich“, die der Bundesverband Autismus Deutschland im Sommer 2025 ausgerufen hat, ist im Frühjahr 2026 in der Versorgungsrealität angekommen.
1.300
Anfragen pro Quartal
An der Berliner Spezialambulanz für Soziale Interaktion gehen jedes Quartal rund 1.300 Diagnostik-Anfragen ein. Aufgenommen werden 35 bis 40, was einer Annahmequote von unter 3 Prozent entspricht. Wer abgelehnt wird, muss sich im nächsten Quartal erneut bewerben.
2–3 Jahre
Wartezeit Uniklinik Köln
Wer in Köln einen Diagnostik-Termin erhält, wartet aktuell zwischen 24 und 36 Monaten. Die Klinik nimmt seit 2024 nur noch Anfragen aus Köln und dem direkten Umland an, statt bundesweit zuzuweisen. Ähnliche Regionalisierung gibt es in Düsseldorf, das auf Düsseldorfer Bewohner:innen verengt hat.
15
Bundesweit gelistete Stellen
Das Verzeichnis „Spät diagnostizierter Autismus“ dokumentiert rund 15 spezialisierte Diagnostik-Stellen für Erwachsene, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern, Saarland, Sachsen-Anhalt und Thüringen erscheinen darin nicht, wodurch ganze Regionen versorgungstechnisch leer bleiben.
40 %
Diagnosebestätigung
Nur etwa 40 Prozent der schließlich aufgenommenen Erwachsenen erhalten am Ende eine Autismus-Diagnose. Die übrigen 60 Prozent bekommen alternative Befunde wie ADHS, Persönlichkeitsstörungen oder soziale Phobien, was die Suche nach passgenauer Hilfe weiter verlängert.

Sichtbar wird das an konkreten Standorten. Die LMU München hat ihre Spezialambulanz im Mai 2026 für klassische Diagnostik-Zuweisungen Erwachsener geschlossen und verweist auf die TRAUM-Studie für 14- bis 30-Jährige als einzige reguläre Aufnahmeschiene. Die Charité Berlin nimmt gemeinsam mit der HU-Hochschulambulanz, dem KEH Herzberge und dem Campus Benjamin Franklin nur viermal im Jahr neue Personen auf — am 7. Januar, 1. April, 1. Juli und 7. Oktober 2026, jeweils ausschließlich für Berliner und Brandenburger. Die Uniklinik Köln antwortet seit Jahresbeginn nur noch telefonisch, hat das Einzugsgebiet auf Köln und Umgebung verkleinert und beziffert die Wartezeit selbst mit zwei bis drei Jahren. Frankfurt am Main meldet die Warteliste schlicht als geschlossen. Düsseldorf nimmt für gesetzlich Versicherte nur noch Personen aus dem Stadtgebiet auf. In Regensburg gilt die Aufnahme nur für den Regierungsbezirk Oberpfalz. Wer in Mecklenburg-Vorpommern, im Saarland oder in weiten Teilen Sachsen-Anhalts und Thüringens wohnt, findet im wichtigsten privaten Verzeichnis schlicht keinen Eintrag.

Hinter den geschlossenen Türen steht eine epidemiologische Verschiebung, die das System nicht mitvollzogen hat. Die Prävalenz im Erwachsenenalter liegt nach Schätzungen der HU-Autoren bei rund einem bis zwei Prozent. Im Vergleich zu den Daten der 1980er-Jahre ist das mehr als das Zehnfache. Hinzu kommen Komorbiditätsraten von etwa 70 Prozent für mindestens eine zusätzliche psychische Erkrankung und knapp 50 Prozent für zwei und mehr. Die Diagnostik im Erwachsenenalter ist deshalb regelhaft aufwendiger als die Kinderdiagnostik, sie verlangt mehrere Termine, fremdanamnestische Informationen aus der Kindheit und differenzialdiagnostische Abklärung gegen ADHS, Persönlichkeitsstörungen, Depression, Essstörungen oder soziale Phobien. Genau diese Differenzialdiagnostik ist der Grund, warum Spezialambulanzen die Diagnostik nicht beliebig delegieren können. Gleichzeitig zeigt das Berliner Diagnosezahlenverhältnis, wie groß die Streuung der Verdachtslagen ist: Etwa vier von zehn aufgenommenen Personen verlassen die Ambulanz mit einer ASS-Diagnose, etwa sechs von zehn mit einer anderen.

Für Familien und Betroffene heißt das im Mai 2026 dreierlei. Erstens lohnt sich der Versuch über eine Universitäts-Spezialambulanz fast nur noch für Personen mit Wohnort im jeweiligen Einzugsgebiet — und auch dort mit langen Wartezeiten. Zweitens wird die Tür über approbierte niedergelassene Psychotherapeut:innen und Fachärzt:innen für Psychiatrie zunehmend wichtig. Das Psychotherapeutenjournal 4/2025 hat genau deshalb die Empfehlungen für niedergelassene Praxen aktualisiert und ermutigt zur strukturierten Diagnostik mit kollegialer Qualitätssicherung. Drittens kann ein Vor-Screening über Hausarzt, Psychiater oder Psychotherapeut die Anmeldebedingungen vieler Ambulanzen überhaupt erst erfüllen — Anmeldungen ohne ärztliches Anschreiben werden in Köln, Frankfurt, Regensburg und Düsseldorf gar nicht erst bearbeitet. Wer zusätzlich privat versichert ist, hat in einigen Häusern (Düsseldorf, München) eigenständige Privatambulanz-Spuren mit kürzeren Wartezeiten.

Lösungen werden vor allem auf vier Ebenen diskutiert. Erstens: Verbreitung der Diagnostik-Kompetenz über die Hochschulambulanzen hinaus durch Curriculum-Erweiterung in der Psychotherapie-Aus- und -Weiterbildung, wie sie das Psychotherapeutenjournal nahelegt. Zweitens: Aufnahme einer Versorgungsplanungskennziffer bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, damit Bedarfszahlen sichtbar werden — bisher gibt es keinen amtlichen Versorgungsatlas für Autismus-Ambulanzen Erwachsene. Drittens: eine eigenständige AWMF-Leitlinie für das Erwachsenenalter, denn die abgelaufene S3-Leitlinie 028-047 hat den Erwachsenenteil nur rudimentär adressiert. Viertens: Strukturmittel für die Spezialambulanzen, deren Personalbudgets seit Jahren nicht mit der Nachfrage gewachsen sind. Bis dahin bleibt der Übergang aus der ärztlichen Hausversorgung in spezialisierte Diagnostik der Engpass, den Familien und Betroffene selbst überbrücken müssen.

Wer aktuell vor einer geschlossenen Warteliste steht, findet auf den Stiftungsseiten unter Hilfe finden eine nach Bundesländern sortierte Übersicht von Diagnostik- und Beratungsstellen, die regelmäßig aktualisiert wird. Die Autismus-Stiftung kann den Engpass an Diagnostik-Plätzen nicht heilen, hilft aber dabei, schnellstmöglich einen realistischen nächsten Schritt zu finden. Wer den Ausbau der Versorgungsstrukturen darüber hinaus mittragen möchte, kann das über die Stiftung tun.

Offen bleibt die Frage, wie viele Erwachsene aktuell auf einer Warteliste stehen. Eine bundesweite Erhebung existiert nicht. Auch nicht klar ist, wie viele Diagnosen niedergelassene Praxen tatsächlich pro Jahr stellen — die KBV-Statistik gibt das nicht her. Wer die Versorgungslücke schließen will, muss erst einmal das Ausmaß messen können.

Jetzt aktiv werden

Versorgung verbessern

Die Autismus-Stiftung fördert anwendungsorientierte Strukturen, damit Diagnose und Therapie in der Fläche ankommen.

Dieser Artikel wurde durch den Autismus Monitor der Autismus Stiftung Deutschland automatisch aus aktueller Forschungsliteratur und Quellenrecherche zusammengestellt. Alle Quellen sind direkt verlinkt und verifiziert. Veröffentlicht am 20. Mai 2026. Dieser Artikel ersetzt keine professionelle medizinische oder therapeutische Beratung.