Das Wichtigste in Kürze
  • Wartelisten an deutschen Spezialambulanzen geschlossen – Wartezeit oft über 2 Jahre
  • Berliner Ambulanz: monatlich 1.300 Anfragen, 35–40 Termine verfügbar
  • 70% der autistischen Erwachsenen haben mindestens eine weitere psychische Störung
  • ICD-11 erkennt erstmals Camouflaging und sensorische Besonderheiten als Kriterien an

Wer als Erwachsener in Deutschland den Verdacht hegt, im Autismus-Spektrum zu sein, erlebt oft eine kafkaeske Odyssee. Der erste Schritt – die Suche nach einer Fachstelle zur Abklärung – endet häufig bereits mit einer geschlossenen Warteliste. Nicht in Monaten, sondern in Jahren denken viele Ambulanzen, wenn sie überhaupt Termine vergeben. Stand 2025 sind die Wartelisten an nahezu allen spezialisierten Einrichtungen in Deutschland geschlossen oder regional auf enge Einzugsgebiete begrenzt. Wer keinen glücklichen Wohnort hat, hat Pech.

Das Psychotherapeutenjournal hat in seiner Ausgabe 4/2025 die Lage erstmals systematisch aufgearbeitet. Die Zahlen sind eindeutig: Die Autismus-Prävalenz liegt heute bei schätzungsweise ein bis zwei Prozent der Bevölkerung – ein über zehnfacher Anstieg gegenüber den 1980er-Jahren. Eine Berliner Spezialambulanz erhält monatlich über 1.300 Anfragen und kann 35 bis 40 davon annehmen. Das Verhältnis von Bedarf zu Angebot ist dysfunktional. Von den Menschen, die schließlich einen Termin bekommen, erhalten übrigens nur rund 40 Prozent eine Autismus-Diagnose – bei den übrigen liegen alternative Diagnosen vor, etwa Persönlichkeitsstörungen, Sozialphobien oder ADHS.

Die diagnostische Komplexität trägt zu langen Wartezeiten bei. Autismus bei Erwachsenen ist schwer zu erfassen: Die Symptome müssen retrospektiv rekonstruiert werden (wie war das Verhalten in der Kindheit?), viele Betroffene haben über Jahrzehnte gelernt, ihre autistischen Züge zu kompensieren, und Komorbiditäten erschweren das Bild zusätzlich. Rund 70 Prozent der autistischen Erwachsenen erfüllen die Kriterien für mindestens eine weitere psychische Störung, knapp 50 Prozent für mindestens zwei. Depression, Angststörungen, Zwangsstörungen und ADHS sind häufige Begleiter.

Ein Strukturproblem ist, dass viele Diagnosen de facto nur in spezialisierten Universitätsambulanzen gestellt werden – niedergelassene Psychotherapeuten trauen sich das oft nicht zu, obwohl sie es laut Fachgesellschaften könnten und sollten. Das Psychotherapeutenjournal 4/2025 formuliert eine direkte Aufforderung: Psychotherapeuten werden ermutigt, fundierte ASS-Diagnostik durchzuführen. Das sei „ethisch vertretbar und praktisch machbar“. Ein mehrstufiges Vorgehen – Screening, vertiefte Diagnostik, Befundmitteilung – sei auch in einer normalen Praxis umsetzbar.

Für Betroffene bedeutet die Wartesituation Konkretes: Sie leiden, ohne Erklärung zu bekommen. Viele schildern jahrzehntelange Missverständnisse, gescheiterte Beziehungen, Jobverluste, Erschöpfungszustände – und erst mit 30, 40 oder 50 Jahren das erste Mal das Wort Autismus. Eine Diagnose im Erwachsenenalter verändert nichts an der Vergangenheit, aber sie verändert den Blick auf sich selbst. Und sie ist Voraussetzung für gezielte Unterstützung, Anpassungen am Arbeitsplatz oder therapeutische Begleitung.

Die neue ICD-11-Klassifikation (Weltgesundheitsorganisation), die schrittweise auch in Deutschland eingeführt wird, bringt einen relevanten Fortschritt: Sie fasst frühere Subtypen (Asperger-Syndrom, frühkindlicher Autismus) unter einem einheitlichen Spektrumskonzept zusammen und berücksichtigt erstmals sensorische Besonderheiten als diagnostisches Kriterium sowie das sogenannte Camouflaging – also das Maskieren autistischer Merkmale. Das ist besonders wichtig für Frauen, deren Symptome häufig übersehen wurden, weil die Diagnostik historisch an männlichen Profilen ausgerichtet war.

Was muss sich ändern? Fachleute fordern eine breitere Ausbildung von Psychotherapeuten in der ASS-Diagnostik, die Schaffung regionaler Diagnostiknetze statt weniger Universitätsmonopole sowie kürzere Wege zur Abklärung. Mittelfristig könnte KI-gestützte Vordiagnostik helfen, den Engpass zu entschärfen – doch bis solche Ansätze klinisch validiert und flächendeckend verfügbar sind, werden weitere Jahre vergehen.

Mehr entdecken: Alle Neuigkeiten · Häufige Fragen · Newsletter · Weltautismustag 2026

Kommentare

  • Keine Kommentare vorhanden.
  • Kommentar erstellen