Wo Autisten wohnen, wenn die Eltern fehlen

Es ist die eine Sorge, die in fast jeder Familie mit einem autistischen Kind irgendwann zur lautlosen Begleiterin wird: Was geschieht, wenn die Eltern nicht mehr da sind oder die tägliche Begleitung körperlich nicht mehr leisten können?

472.510
Erwachsene mit EH-Wohnen-Leistung
So viele volljährige Menschen mit Behinderungen bezogen Ende 2023 Eingliederungshilfe-Leistungen zur sozialen Teilhabe im Bereich Wohnen. Das Plus von 6.635 gegenüber dem Vorjahr zeigt: Der Bedarf wächst, autismus-spezifische Konzepte aber nicht im gleichen Tempo.
191.640
In besonderen Wohnformen
So viele Menschen mit Behinderungen lebten Ende 2023 in stationären besonderen Wohnformen, dem rechtlichen Nachfolge-Begriff für die früheren Wohnheime. Wie viele davon autistisch sind, erfasst die amtliche Statistik bis heute nicht.
40+
Aktive Wohngesuche autismus.de
Auf der Seite des Bundesverbands Autismus Deutschland stehen dauerhaft mehr als 40 öffentliche, teilweise seit Jahren offene Wohngesuche aus dem gesamten Bundesgebiet. Die Liste ist die einzige bundesweit sichtbare Annäherung an einen sonst unsichtbaren Notstand.
28,7 Mrd. €
EH-Ausgaben 2024
Die Eingliederungshilfe-Nettoausgaben stiegen 2024 um 12,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein erheblicher Teil davon fließt in Wohnen, doch ein bundesweites Förderprogramm speziell für autismus-gerechte Wohngruppen fehlt weiterhin.

Die Zahlen, die man hat — und die, die man nicht hat

Das Statistische Bundesamt erfasst Eingliederungshilfe-Leistungen nach Bereich, nicht nach Diagnose. Demnach erhielten Ende 2023 rund 472.510 volljährige Menschen mit Behinderungen Eingliederungshilfe-Leistungen zur sozialen Teilhabe im Wohnen — etwa 6.635 mehr als im Vorjahr. Rund 191.640 davon lebten in sogenannten besonderen Wohnformen, dem rechtlichen Nachfolge-Begriff für die früheren stationären Wohnheime nach der BTHG-Trennung 2020. 277.516 Personen wurden ambulant unterstützt — in eigenen Wohnungen, Wohngemeinschaften oder mit Persönlichem Budget. Wie viele davon autistisch sind, weiß niemand: Eine bundesweite Erhebung nach Diagnose existiert nicht. Die Lebenshilfe-Bundesvereinigung dokumentiert, dass fast 64 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner besonderer Wohnformen die Zuschreibung „geistige Behinderung“ tragen — eine Kategorie, in der autistische Menschen zwar enthalten sein können, aber kein eigenes Profil sichtbar wird. Der Bundesverband Autismus Deutschland führt auf seiner Webseite dauerhaft mehr als 40 aktive Wohngesuche, die teils seit 2019 nicht vermittelt werden konnten; Anfragen aus Köln, Dortmund, München, Frankfurt, Berlin und vielen weiteren Städten stehen Seite an Seite. Diese öffentliche Liste ist die einzige bundesweit sichtbare Annäherung an einen Notstand, der in der amtlichen Statistik nicht auftaucht.

Welche Modelle es gibt — und wo sie scheitern

Drei Wohnformen dominieren das Angebot. Erstens das ambulant betreute Wohnen, bei dem autistische Erwachsene in eigener Wohnung leben und mehrere Stunden pro Woche pädagogische oder alltagspraktische Begleitung erhalten — die Lebenshilfe-Verbände, Caritas, Diakonie, Sozialwerk St. Georg und Spezial-Träger wie KraCh Lebensraum bieten dies in unterschiedlichem Maßstab an. Zweitens autismus-spezifische Wohngruppen oder Wohnheime: Die Paulinenpflege Winnenden betreibt mit dem Haus WOLGA ein Wohnangebot für erwachsene Menschen aus dem Autismus-Spektrum und ergänzt seit 2024 ein spezielles Eins-zu-Eins-Betreuungsangebot für Menschen mit besonders hohem Unterstützungsbedarf; Neuerkerode hält in Königslutter eine Wohngruppe für junge Erwachsene; die GiB Hannover betreibt zwei Wohngruppen mit jeweils sieben Plätzen; AutismusCompass eröffnete im November 2025 eine WG in Karlsruhe-Daxlanden mit anfangs zwei freien Plätzen — innerhalb weniger Monate belegt. Drittens das Persönliche Budget nach Paragraf 29 SGB IX, mit dem autistische Menschen Assistenzleistungen selbst beauftragen können; das Landessozialgericht Baden-Württemberg bestätigte im Februar 2025, dass auch ein Budget von 1.341,67 Euro monatlich für intensiv betreute Wohn- und Therapie-Konstellationen weitergezahlt werden muss. Alle drei Modelle leiden unter denselben Engpässen: Fachkräftemangel, regional ungleiche Verteilung mit besonderer Unterversorgung in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen, fehlende autismus-spezifische Aus- und Fortbildung der Begleitkräfte, und eine Vergütungssystematik, die den hohen 1-zu-1-Aufwand bei tief beeinträchtigten autistischen Erwachsenen kaum abbildet.

Warum „Wohngruppe“ nicht gleich „autismusgerecht“ ist

Eine Wohngruppe für Menschen mit kognitiven Behinderungen ist nicht automatisch ein guter Lebensort für autistische Erwachsene. Der Bundesverband Autismus Deutschland weist darauf hin, dass viele Standard-Wohnformen sensorische Überforderung produzieren: laute Gemeinschaftsräume, ständig wechselnde Bezugspersonen im Schichtdienst, unstrukturierte Tagesabläufe, fehlende Rückzugsoptionen, Mahlzeiten in großen Gruppen. Was für andere Bewohnergruppen Geselligkeit bedeutet, kann für autistische Menschen Daueranspannung sein — mit Verhaltensauffälligkeiten, die wiederum als „herausforderndes Verhalten“ pathologisiert werden, statt als logische Antwort auf eine nicht passende Umgebung gedeutet zu werden. Spezialeinrichtungen wie WOLGA, Neuerkerode oder das KBF-Wohnangebot in Mössingen versuchen, das mit autismus-spezifischen Konzepten anders zu lösen: kleinere Gruppen, klare räumliche Strukturen, geschultes Personal, vorhersagbare Tagesstrukturen, ausreichend Rückzugsmöglichkeiten. Doch die Zahl solcher Plätze ist im niedrigen Hundertbereich pro Bundesland — bei einer Autismus-Prävalenz von rund einem Prozent in der Bevölkerung und einer geschätzten Hunderttausenden-Zahl autistischer Erwachsener mit Unterstützungsbedarf ein offenkundiges Missverhältnis.

Was Familien jetzt prüfen sollten

Vier Schritte sind heute realistisch und reduzieren die Wahrscheinlichkeit, dass der Übergang in eine externe Wohnform mit einem Krisenmoment beginnt. Erstens: rechtzeitige Antragsstellung bei der Eingliederungshilfe — Wartezeiten für Bedarfsermittlungen liegen in vielen Trägerschaften bei sechs bis zwölf Monaten, in einigen Großstädten deutlich länger. Zweitens: ein Persönliches Budget früh ausprobieren, bevor die Eltern es nicht mehr koordinieren können; Beratung dazu gibt es kostenfrei über die Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) in jedem Bundesland. Drittens: parallel zur Vermögensplanung das Wohnen mitdenken — denn der seit 1. Januar 2026 angehobene Vermögensfreibetrag von 71.190 Euro in der Eingliederungshilfe (150 Prozent der Bezugsgröße West) erlaubt autistischen Erwachsenen erstmals, eigenes Erspartes oder eine geerbte Eigentumswohnung zu behalten, ohne den Wohnplatzanspruch zu verlieren. Viertens: konkrete autismus-spezifische Anbieter listen — Bundesverband Autismus Deutschland (mit Wohnreferat), Paulinenpflege, Neuerkerode, GiB Hannover, KraCh Lebensraum, KBF Mössingen, Sozialwerk St. Georg, Sankt Nikolaus Dürrlauingen — und sich auf Wartelisten setzen lassen, mit dem Wissen, dass die Wartezeit bei spezialisierten Plätzen häufig mehrere Jahre beträgt.

Was strukturell fehlt

Auf Bundesebene fehlen drei Dinge gleichzeitig. Ein Versorgungsatlas, der autismus-spezifische Wohnangebote nach Region, Träger und Kapazität sichtbar macht — Familien recherchieren heute über Foren, Vereinslisten und Glück. Ein Förderprogramm für den Aufbau autismus-spezifischer Wohngruppen, vergleichbar dem Modell der Aktion Mensch-geförderten Inklusionsbetriebe, das den hohen Investitionsaufwand abfedert. Und ein verbindlicher Qualifikationsstandard für Personal in autismusspezifischen Wohnformen, der die Aus- und Fortbildung der Begleitkräfte über das übliche Heilerziehungspflege-Curriculum hinaus systematisiert. Bislang sind das alles offene Forderungen einzelner Verbände — politisch aufgegriffen wurde keine davon im aktuellen Koalitionsdiskurs zu Sozialhilfe und Eingliederungshilfe.

Über den Einzelfall hinaus ist das die zentrale Stiftungsfrage: Wohn- und Arbeitsmodelle für autistische Erwachsene sind einer der Förder-Schwerpunkte der Autismus-Stiftung — über eine Fördermitgliedschaft ab 60 Euro im Jahr lassen sich genau diese Strukturen mittragen, und über die Zustiftung können langfristig Mittel bereitgestellt werden, deren Erträge dauerhaft in autismus-spezifische Wohn-Infrastruktur fließen. Familien, die heute akut eine Anlaufstelle suchen, finden auf der Seite Hilfe finden regionale Einrichtungen — die Stiftung versteht sich dabei ausdrücklich als ein Akteur neben Lebenshilfe, Bundesverband Autismus Deutschland und freien Trägern, nicht als alleinige Lösung des Wohnplatz-Mangels.

Offen bleibt die Frage, ob die kommende Reform der Eingliederungshilfe-Statistik — die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger arbeitet seit März 2025 am nächsten Kennzahlenvergleich — endlich eine diagnose-spezifische Auswertung erlaubt. Solange autistische Erwachsene in der amtlichen Statistik unsichtbar bleiben, bleibt auch der Wohn-Notstand politisch leise.

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Strukturen mittragen

Damit langfristig solide Strukturen für autistische Menschen entstehen, baut die Autismus-Stiftung Kapital für die Zukunft auf.

Dieser Artikel wurde durch den Autismus Monitor der Autismus Stiftung Deutschland automatisch aus aktueller Forschungsliteratur und Quellenrecherche zusammengestellt. Alle Quellen sind direkt verlinkt und verifiziert. Veröffentlicht am 19. Mai 2026. Dieser Artikel ersetzt keine professionelle medizinische oder therapeutische Beratung.