Was die neue Autismus-Ambulanz-Studie von München zeigt

Die Institutsambulanz der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der LMU München hat kürzlich Daten aus zwei Jahren Erwachsenen-Autismus-Diagnostik veröffentlicht. Die Zahlen zeigen ein Bild der Versorgung, das viele Betroffene aus eigener Erfahrung kennen, das aber in dieser Klarheit selten in der Fachliteratur zu sehen ist.

Auf den Punkt

Worum es geht und warum es Familien angeht

  • Von 743 Erwachsenen, die zwischen 2023 und 2025 auf einen Termin bei der Autismus-Ambulanz warteten, bekamen 46 Prozent am Ende die Bestätigung einer Autismus-Spektrum-Störung, ein Drittel eine andere psychische Diagnose, der Rest wurde als komorbid ohne ASS eingeordnet.
  • Die durchschnittliche Wartezeit betrug 22 Monate, damit deutlich länger als in vergleichbaren Studien anderer deutscher Universitätsambulanzen. Für Frauen war die Wartezeit im Schnitt sogar drei Monate länger als für Männer.
  • Die Studie belegt zwei wichtige Muster: erstens, dass die Nachfrage nach Erwachsenen-Diagnostik weiter stark steigt, zweitens, dass die derzeitige Versorgungsstruktur an ihre Grenzen kommt und Ausbau dringend nötig ist.
743
Erwachsene in der LMU-Kohorte 2023 bis 2025
Die Autismus-Ambulanz der LMU zählt zu den größten Erwachsenen-Zentren in Süddeutschland. Die aktuelle Kohorten-Analyse umfasst alle Personen, die zwischen dem 1. Januar 2023 und dem 31. Dezember 2025 eine Diagnostik durchlaufen haben, einschließlich mehrfacher Termine bei komplexen Fällen.
46 %
der Untersuchten bekamen die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung
Fast die Hälfte der wartenden Erwachsenen erfüllte die diagnostischen Kriterien nach ADOS-2 und ADI-R. Die restlichen Fälle wurden entweder als andere psychische Diagnose (Depression, ADHS, Persönlichkeitsstörung) oder als differenzialdiagnostisch unklar eingeordnet. Interessant: bei rund 20 Prozent lag zusätzlich eine ADHS-Diagnose vor.
22 Monate
durchschnittliche Wartezeit auf einen Termin
Diese Wartezeit liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 14 Monaten, den die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie 2024 erhoben hatte. Verantwortlich sind Personalengpässe und der starke Nachfrage-Anstieg seit 2020. Für Frauen war die Wartezeit im Schnitt drei Monate länger als für Männer.
+38 %
Nachfrage-Anstieg gegenüber der Vorstudien-Periode 2020 bis 2022
Die Nachfrage nach Erwachsenen-Autismus-Diagnostik hat sich in fünf Jahren mehr als verdoppelt. Die LMU-Zahlen bestätigen einen Trend, den auch andere universitäre Ambulanzen berichten. Grund ist vor allem eine gestiegene Sichtbarkeit von Autismus bei Frauen und die Nachdiagnostik im Erwachsenenalter.
Was die Studie belegt

Die Zahlen einer stark belasteten Versorgungsstruktur

Die LMU-Ambulanz ist eine der Anlaufstellen, an die sich Erwachsene in Bayern wenden, wenn sie eine strukturierte Autismus-Diagnostik brauchen. Die Kohorte von 743 Personen ist damit stellvertretend für die Situation in ganz Süddeutschland, wo ähnliche Häuser in Freiburg, Tübingen und Nürnberg vergleichbare Zahlen sehen.

Was auffällt: Die 22 Monate durchschnittliche Wartezeit ist keine Ausnahme, sondern die Regel. In den USA betragen die Wartezeiten bei vergleichbaren Häusern zwei bis vier Monate. Das deutsche System ist an dieser Stelle strukturell überlastet, weil die Zahl spezialisierter Ambulanzen für Erwachsene mit dem Nachfrage-Anstieg nicht Schritt gehalten hat.

Wir sehen, dass Menschen zu uns kommen, die sich seit Jahren fragen, warum sie anders sind. Dass sie dann noch fast zwei Jahre auf einen Termin warten müssen, ist kein akzeptabler Zustand.Aus der Diskussion der Studie in der Fachzeitschrift Der Nervenarzt
Was für Frauen anders läuft

Warum die Wartezeit für Frauen sogar länger ist

Das Ergebnis, dass Frauen im Schnitt drei Monate länger warten als Männer, ist auf den ersten Blick überraschend. Es liegt nicht daran, dass die Ambulanzen bewusst diskriminieren. Es liegt daran, dass Frauen im Erstkontakt häufiger erst über eine Depression, eine Borderline-Diagnose oder eine ADHS-Vermutung an die Ambulanz überwiesen werden, und die Zuweisung zur Autismus-Diagnostik als spezialisierter Folgeschritt erst nach mehreren Terminen erfolgt.

Das ist ein systematisches Muster, das die Fachwelt erst langsam anerkennt. Die typischen Fragebögen und Verhaltensbeobachtungen wurden ursprünglich an männlichen Probanden validiert und erfassen weibliche Ausprägungen von Autismus weniger präzise. Familien-Entlastende Dienste, Selbsthilfe-Gruppen und geschulte niedergelassene Psychiater sind hier die wichtigsten Brücken.

Was Betroffene tun können

Vier praktische Wege bei langer Wartezeit

Erstens: Auf mehreren Ambulanzen gleichzeitig auf die Warteliste setzen lassen. Rechtlich ist das erlaubt und in Anbetracht der Wartezeiten empfehlenswert. Sobald ein Termin an einer Ambulanz frei wird, kann die andere Warteliste abgesagt werden.

Zweitens: Bereits vor dem Diagnose-Termin die eigenen Themen strukturieren. Der ADI-R fragt nach Kindheitserinnerungen, Berichten von Eltern oder Geschwistern helfen dabei enorm. Wer schon vor dem Termin eine strukturierte Selbstbeschreibung mitbringt, verkürzt die Diagnostik selbst.

Drittens: Selbsthilfe-Gruppen für die Wartezeit nutzen. Der Austausch mit anderen, die dieselbe Vermutung haben, wirkt entlastend und liefert oft praktische Impulse. Auf unserer Seite Communitys und Foren finden Sie eine Auswahl deutscher Anlaufstellen.

Viertens: Niedergelassene Psychiater und Psychotherapeuten mit Autismus-Erfahrung als Zwischenlösung nutzen. Manche Kolleg:innen können erste Einschätzungen liefern, auch wenn die formale Diagnostik der Uni-Ambulanz vorbehalten bleibt.

Was sich politisch bewegen muss

Der Ruf nach einer Ambulanz-Offensive

Die Autoren der LMU-Studie schließen mit einem klaren politischen Appell: die Zahl spezialisierter Ambulanzen für Erwachsene mit Autismus-Verdacht muss in Deutschland verdreifacht werden, um die aktuellen Wartezeiten in einen akzeptablen Rahmen zu bringen. Der Bund und die Länder sind gefordert, im Rahmen der psychiatrischen Bedarfsplanung entsprechende Kapazitäten aufzubauen und zu finanzieren.

Die Autismus-Stiftung setzt sich gemeinsam mit anderen Verbänden dafür ein, dass die Versorgungslage für autistische Erwachsene in Deutschland strukturell verbessert wird. Wenn Sie diese Arbeit unterstützen möchten, freuen wir uns über eine Spende oder eine Zustiftung.

Konkreter Schritt

Prüfen Sie unser Verzeichnis auf spezialisierte Ambulanzen

Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person auf einen Diagnostik-Termin wartet, finden Sie in unserer Einrichtungsübersicht spezialisierte Ambulanzen und Sozialpädiatrische Zentren in Ihrer Region.

Quellen
  1. Kohortenanalyse Erwachsenen-Autismus-Diagnostik LMU München 2023 bis 2025, Der Nervenarzt 2026
  2. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN), Wartezeiten-Erhebung 2024
  3. Bundesverband Autismus Deutschland e.V., Positionspapier zur Erwachsenen-Versorgung, autismus.de
  4. ADOS-2 und ADI-R als Standardinstrumente der Autismus-Diagnostik im Erwachsenenalter
  5. Fachdiskussion um geschlechtsspezifische Ausprägungen von ASS in aktuellen Übersichtsarbeiten