Nach 30 Jahren Maske fällt die Diagnose AuDHD

Ein Leben lang das Gefühl, falsch zu sein. Sich in sozialen Situationen wie eine Schauspielerin zu fühlen, die ihren Text vergessen hat. Eine permanente, unsichtbare Anstrengung, um einfach nur „normal“ zu wirken, die am Ende des Tages in völliger Erschöpfung mündet.

Auf den Punkt

Worum es geht und warum es Familien angeht

  • Sich in sozialen Situationen wie eine Schauspielerin zu fühlen, die ihren Text vergessen hat.
  • Eine permanente, unsichtbare Anstrengung, um einfach nur „normal“ zu wirken, die am Ende des Tages in völliger Erschöpfung mündet.
  • Wenn die Rapperin Juju kürzlich öffentlich machte, dass bei ihr erst als Erwachsene Autismus und ADHS (AuDHD) diagnostiziert wurden, sprach sie damit einer ganzen, übersehenen Generation von Frauen aus der Seele.
3:1
JUNGEN-MÄDCHEN-RATIO BEI DIAGNOSEN
In der Kindheit werden dreimal mehr Jungen als Mädchen diagnostiziert, bei Erwachsenen gleicht sich das Verhältnis jedoch an. Das deutet auf eine massive Unterdiagnostizierung bei Mädchen hin, die erst im Erwachsenenalter korrigiert wird.
70 %
AUTISTEN MIT ADHS-SYMPTOMEN
Aktuelle Studien zeigen, dass bis zu 70 Prozent der autistischen Menschen auch die Kriterien für ADHS erfüllen. Diese häufige Doppeldiagnose AuDHD wird in der Praxis noch viel zu selten erkannt.
9-fach
ERHÖHTES SUIZIDRISIKO
Autistische Erwachsene ohne begleitende Lernschwierigkeiten haben ein neunfach höheres Suizidrisiko. Spätdiagnostizierte Frauen, die lange ohne Unterstützung litten, sind hier eine besondere Risikogruppe.
29 Jahre
DURCHSCHNITTSALTER BEI ERSTKONTAKT
Frauen, die im Erwachsenenalter eine Autismus-Diagnose erhalten, hatten laut einer Studie im Schnitt bereits mit 29 Jahren den ersten Kontakt zu psychiatrischen Diensten. Die Diagnose erfolgte oft erst ein Jahrzehnt später.

Das Bild von Autismus ist in der Öffentlichkeit und leider auch in vielen Arztpraxen immer noch stark männlich geprägt: der kleine Junge, der kaum spricht, sich für Züge begeistert und soziale Interaktion meidet. Mädchen und Frauen zeigen oft ein anderes Bild. Sie sind häufig sprachlich gewandt, haben sozial akzeptierte Spezialinteressen (wie Literatur, Psychologie oder Tiere) und entwickeln schon früh perfektionistische Strategien, um ihre autistischen Züge zu verbergen. Dieses als „Masking“ oder „Camouflaging“ bekannte Phänomen ist ein Überlebensmechanismus, der jedoch einen extrem hohen Preis hat. Die ständige Selbstüberwachung und Anpassung verbraucht enorme mentale Ressourcen und führt nicht selten zu Angststörungen, Depressionen und autistischem Burnout.

Kommt zu den autistischen Zügen noch eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hinzu, wird das diagnostische Bild noch komplexer. AuDHD ist mehr als die Summe seiner Teile. Es ist ein ständiger innerer Konflikt zwischen dem autistischen Bedürfnis nach Routine, Ordnung und Vorhersehbarkeit und dem ADHS-getriebenen Wunsch nach Neuheit, Impulsivität und Stimulation. Eine Betroffene beschreibt es treffend als „ein Gehirn, in dem ein Teil nach einem strikten Handbuch leben will, während der andere Teil das Handbuch ständig anz��ndet“. Diese widersprüchlichen Impulse können dazu führen, dass sich die Merkmale gegenseitig aufheben und nach außen hin ein weniger eindeutiges Bild entsteht, was die Diagnose zusätzlich erschwert.

Die Konsequenzen der späten oder ausbleibenden Diagnose sind verheerend. Viele Frauen erhalten über Jahre hinweg Fehldiagnosen wie Borderline-Persönlichkeitsstörung, bipolare Störung oder komplexe posttraumatische Belastungsstörungen. Sie durchlaufen Therapien, die nicht auf ihre neurobiologische Veranlagung zugeschnitten sind und im schlimmsten Fall sogar schaden können. Die späte Diagnose im Erwachsenenalter ist dann oft ein Wendepunkt. Sie ist eine Erklärung für ein ganzes Leben voller Kämpfe, die es den Betroffenen ermöglicht, endlich Selbstmitgefühl zu entwickeln, ihre Bedürfnisse zu verstehen und ihr Leben entsprechend anzupassen.

Was muss sich also ändern? Die Öffentlichkeit, aber vor allem Mediziner, Psychologen und Therapeuten, benötigen dringend ein Update ihres Wissens. Die Kriterien für die Diagnostik müssen die subtileren, internalisierten Merkmale bei Frauen stärker berücksichtigen. Es braucht mehr spezialisierte Anlaufstellen für die Erwachsenendiagnostik mit Expertise für das weibliche Spektrum und komplexe Überschneidungen wie AuDHD. Die Berichte von Frauen wie Juju sind dabei unbezahlbar, denn sie machen das Unsichtbare sichtbar und geben anderen den Mut, sich auf die Suche nach ihrer eigenen Wahrheit zu begeben.

Wer sich in diesen Erfahrungen wiederfindet und einen ersten Anlaufpunkt für eine Diagnostik sucht, findet bei der Autismus-Stiftung eine Orientierung. Unter hilfe-finden werden spezialisierte Anlaufstellen nach Bundesländern gesammelt, um den Weg zu einer fundierten Abklärung zu erleichtern. Strukturell lässt sich der Ausbau dieser dringend benötigten Versorgungslandschaft über die Stiftung unterstützen.

Wichtiger Hinweis

Information, keine medizinische Beratung

Dieser Beitrag beschreibt klinische Zusammenhänge auf Grundlage veröffentlichter Fachliteratur. Er ersetzt keine ärztliche Diagnose, keine psychotherapeutische Beratung und keine individuelle Therapieempfehlung. Bei konkreten gesundheitlichen Fragen wenden Sie sich bitte an eine Fachärztin, einen Facharzt oder eine Psychotherapiepraxis mit Autismus-Expertise. In akuten Krisen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

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Dieser Artikel wurde durch den Autismus Monitor der Autismus Stiftung Deutschland automatisch aus aktueller Forschungsliteratur und Quellenrecherche zusammengestellt. Alle Quellen sind direkt verlinkt und verifiziert. Veröffentlicht am 22. Oktober 2026. Dieser Artikel ersetzt keine professionelle medizinische oder therapeutische Beratung.