In den meisten Bundesländern rücken die Sommerferien näher, in einigen haben sie bereits begonnen. Für viele Familien ist das eine Zeit der Freude, für Familien mit autistischen Kindern beginnt oft die schwierigste Phase des Jahres. Sechs Wochen ohne feste Struktur können Kinder in eine Krise stürzen, deren Auslöser die Umwelt nicht sofort erkennt.
Worum es geht und warum es Familien angeht
- Der Wegfall von Kita, Schule und Therapie-Terminen entzieht autistischen Kindern die verlässlichen Anker, an denen sich ihr Alltag orientiert. Ein deutlicher Anstieg an Reizüberflutungen und emotionalen Zusammenbrüchen in den ersten zehn Tagen ist typisch, aber vermeidbar.
- Familien können mit drei einfachen Instrumenten vorbeugen: einem sichtbaren Wochen-Rhythmus, einer Ferien-Struktur mit maximal drei täglichen Aktivitäten und einer schriftlichen Ankündigung aller Änderungen zwei Wochen im Voraus.
- Wer Entlastung braucht, kann Verhinderungspflege, Familien-Entlastende-Dienste und die neuen Ferien-Betreuungsangebote der Eingliederungshilfe kombinieren. Anträge sind kurzfristig noch möglich.
Wenn die verlässliche Woche wegfällt
Autistische Kinder verarbeiten die Welt anders. Was für andere Kinder ein Gefühl der Freiheit ist, wirkt auf viele autistische Kinder wie ein plötzliches Fehlen aller Orientierungspunkte. Die Klingel, die morgens den Schulweg einläutet, ist weg. Die Reihenfolge von Mathematik, Deutsch, Sachkunde, die im Schulalltag Verlässlichkeit gibt, ist weg. Die vertraute Lehrkraft, die ruhige Stimme in der Frühförderung, das Klavier-Ritual in der Ergotherapie, alles pausiert für sechs Wochen.
Was Eltern dann oft erleben, ist eine Zunahme an Reizüberflutungen, plötzlich stärkeren Emotionen, mehr Schreiattacken, mehr Rückzug oder mehr Wut. Für Außenstehende sieht das aus wie Trotz oder Fehlverhalten, in Wahrheit ist es ein Kind, das die vertraute Landkarte seines Alltags verloren hat und sich neu orientieren muss.
Drei Werkzeuge, die den Übergang leichter machen
Der Wochen-Rhythmus: Ein visueller Wochenplan, den das Kind sehen kann, wenn es aufwacht. Piktogramme oder einfache Fotos zeigen: Montag ist Ausflug-Tag, Dienstag ist Zuhause-Tag, Mittwoch ist Oma-Tag, und so weiter. Wichtig ist die Wiederholung, nicht die Abwechslung. Was in der einen Ferienwoche funktioniert hat, sollte in der nächsten Woche wieder ähnlich sein.
Die Drei-Aktivitäten-Regel: Statt einer vollen Ferien-Agenda mit Zoo, Freibad und Kino am selben Tag, lieber ein Ausflug morgens, eine ruhige Aktivität zur Mittagszeit und ein kreatives Projekt am Nachmittag. Dazwischen bewusst Pausen einplanen, in denen das Kind sich zurückziehen kann. Wenn nur zwei Aktivitäten gelingen, ist der Tag trotzdem ein guter Tag.
Die schriftliche Ankündigung: Zwei Wochen vor Ferienbeginn dem Kind erklären, was passieren wird. Ein Kalender an der Wand, auf dem das Kind selbst durchstreichen kann, welcher Schultag noch übrig ist. Ein kleines Ritual am letzten Schultag, das den Übergang bewusst macht. Kinder, die vorbereitet werden, kommen besser durch die ersten Tage.
Verhinderungspflege, FED und Ferien-Angebote der Eingliederungshilfe
Die Verhinderungspflege ist der wichtigste Entlastungs-Baustein für Familien mit einem Pflegegrad 2 oder höher. Sie ergänzt den regulären Pflegedienst und finanziert eine Ersatzbetreuung, wenn die Hauptpflegeperson eine Pause braucht. Antragstellung geht schnell über die Pflegekasse und die bewilligten Stunden können auch für einzelne Ferientage genutzt werden, nicht nur für längere Zeiträume.
Familien-Entlastende-Dienste bieten stundenweise oder tageweise Betreuung. Die Kosten übernimmt meist die Eingliederungshilfe. Anfragen laufen über das Jugendamt oder den Sozialleistungsträger des Wohnorts. Für die Sommerferien lohnt es sich, Anträge noch jetzt zu stellen, weil viele Träger auch kurzfristig freie Kapazitäten haben.
Eine Übersicht über passende Assistenzangebote und Beratungsstellen finden Sie auf unserer Seite Assistenzangebote.
Was Reisen mit einem autistischen Kind erleichtert
Reisen ist nicht per se ein Problem für autistische Kinder, aber die klassische Urlaubsform, wechselnde Hotels, überfüllte Strände, laute Restaurants, ist selten kompatibel mit dem sensorischen Alltag. Familien, die Erfolg haben, entscheiden sich häufig für Ferienhäuser statt Hotels, für gleichen Ort über die ganze Ferienzeit statt Rundreise und für eigene Verpflegung statt Hotelrestaurant.
Eine gut vorbereitete Reise beginnt Wochen vorher mit Fotos vom Reiseziel, dem Ferienhaus, den geplanten Ausflügen. Das Kind hat so eine mentale Landkarte, bevor es überhaupt losgeht. Eine kleine Tasche mit vertrauten Gegenständen, Kopfhörer und das eigene Kissen aus dem Kinderzimmer sind ausreichend. Weniger Programm, mehr Wiederholung, mehr Ruhephasen.
Beantragen Sie noch heute Verhinderungspflege für den Ferien-Zeitraum
Wenn Ihr Kind mindestens Pflegegrad 2 hat und Sie in den nächsten Wochen Entlastung brauchen, füllen Sie den Antrag auf Verhinderungspflege bei Ihrer Pflegekasse aus. Die Bearbeitung dauert in der Regel wenige Werktage, und die Stunden können flexibel genutzt werden.
- Verhinderungspflege nach § 39 SGB XI, Bundesministerium für Gesundheit, bundesgesundheitsministerium.de
- Bundesverband Autismus Deutschland e.V., Ratgeber Familienalltag, autismus.de
- Bundesagentur für Arbeit, Familien-Entlastende Dienste und Ferienbetreuung nach SGB IX
- Kultusministerkonferenz, Ferienregelungen 2026 der Bundesländer
- Fachpublikationen zu Alltagsstrukturen bei ASS in autismus (Zeitschrift des Bundesverbandes)